Mit dem Zug zur Oper
„Der Zug ist vier Minuten überpünktlich“, sagt Gérard mit einem leichten Akzent und lacht. „Wo fahren Sie hin?“, frage ich. „Nach Berlin, zu den Philharmonikern.“
Schon Stunden vorher habe ich mich gefragt, was der Mann wohl vorhat. Er trägt ein braungemustertes Hemd und eine Krawatte und blättert immer wieder in einem kleinen, dunklen Notizheft und schaut sich einen Flyer aus Bozen an. Ob er gerade von dort kommt? Was er wohl in sein Notizheft geschrieben hat? (Ich möchte unbedingt wissen, was er für eine Geschichte hat.) „Jeder Sitz hat eine Geschichte“; mit diesem Satz hat eine große Airline in diesem Jahr seine neue Kampagne gestartet. Auch im Zug frage ich mich das manchmal. Was hat dieser Mensch für eine Geschichte?
Wir kamen ins Gespräch. Nach Berlin würde er mit dem Zug nach Hamburg fahren, zur Elphi und nach dem Konzert dort direkt weiter nach Wien. „Nur 43 Euro pro Fahrt“, sagt er. Gérard ist mit Interrail unterwegs. „Für Rentner ist der Pass 40 Euro günstiger“, weiß er. Ich muss schmunzeln und bin gleichzeitig erstaunt. Von Bozen nach Berlin und wieder in den Süden. Doch das scheint für Gérard nichts Neues zu sein. Er erzählt mir, dass er seit 40 Jahren Opernstücke anhört; und das in ganz Europa. Insgesamt hat er über 3700 Stück besucht! Und ist dafür auch über den großen Teich geflogen. „Kennen Sie den Ring der Nibelungen?“, fragt er mich. „Wagner!“, sagt er. Den Ring habe er in New York, Chicago, Seattle und San Francisco gesehen. Wo in New York, frage ich ihn. Metropolitan Opera natürlich, antwortet er. „Doofe Frage!“, sagt er und grinst. Dort sei es am besten gewesen.

In sein kleines Notizbuch schreibt er alles auf, was er an Opern gesehen hat. Als es um 11 Uhr ringsherum von allen Sitzen schrillt – am bundesweiten Warntag wurde ein Probealarm auf den Handys ausgelöst – ist es bei einem still. Gérard hat kein Smartphone. „Ich brauche keins. Ich habe auch kein Internet.“ Wie er denn seine Tickets für die Opern bestellt, will ich von ihm wissen. „Ich bin gut informiert“, sagt er. Beim Zwischenstopp in Hannover will er eine Karte für ein kommendes Stück kaufen.
Gérard war Postbote in Frankreich und Opern waren schon immer seine Leidenschaft. Seit 2012 ist er Rentner und seine Pension ist wie ein Gehalt für ihn. In Frankreich bekomme man mehr als in Deutschland. Hunderte Mal war er schon in Berlin, Hannover und Hamburg. Auch kleinere Städte wie Lübeck haben es ihm angetan. München gefalle ihm besonders gut. Beim Reisen hat er nicht viel Gepäck dabei. Eine schwarze Aktentasche, mehr hat er nicht dabei. Wenn ihm etwas braucht, gehe er gern zu Galeria. „Da ist es günstiger als in Frankreich.“ Auch einen Fotoapparat ist nicht in seinem Gepäck. „Ist alles in meinem Kopf“, sagt er und tippt sich dabei an die Stirn.
Bevor der Zug in Hannover hält, will ich noch von ihm wissen, was seine Lieblingsopern sind. „Mozart’s Figaro und der Rosenkavalier von Strauss“, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Dann nimmt er seine Aktentasche unter den Arm und schreitet zum Ausgang. Auf dem Weg raus klopft er an die Toilettentür. „Fahrkarten, bitte!“ Er lacht und steigt aus dem Zug.
*Ich habe meiner Zugbegleitung den Namen Gérard gegeben. In Wirklichkeit hat er einen anderen Vornamen, der sich auf Gérard reimt.
